Aargauer Kirchenpräsident für mehr Zielgruppen-Gottesdienste



In der Aargauer Zeitung vom 21. August 2012 äusserte sich der neue Präsident des Kirchenrates der Reformierten Landeskirche Aargau, Christoph Weber-Berg, über Gottesdienste für Zielgruppen und Quereinsteiger-Pfarrer. Wir bringen den Text von Fabian Muster, mit der freundlichen Erlaubnis der AZ.

Christoph Weber ist seit Anfang August Kirchenratspräsident der Aargauer Reformierten. Der neue Schreibtisch, den er zu einem Stehtisch hochfahren kann, wird gerade geliefert, als er mit der az zum Interview verabredet ist. Daher führen wir das Gespräch auf der Terrasse im zweiten Stock auf einer Festbank – mit Ausblick auf die eingerüstete reformierte Kirche in der Aarauer Altstadt.

Wie oft gehen Sie in die Kirche?


Christoph Weber: Zurzeit relativ oft, weil ich als neuer Präsident an Anlässe eingeladen bin. Ansonsten im Schnitt ein- bis zweimal pro Monat.

Das ist vorbildlich. Im Gegensatz zu Ihren Mitgliedern: Nur fünf Prozent der Reformierten besuchen sonntags regelmässig einen Gottesdienst.


Die Menschen müssen selber wissen, was ihre Bedürfnisse sind. Der Gottesdienst ist zwar ein ganz zentrales Angebot der Kirche, aber bei weitem nicht das einzige. Die Kirche lebt auch in der Seelsorge, im Unterricht, in der Freiwilligenarbeit oder bei Projekten wie Palliative Care.

Sie können die Aussage Ihrer Vorgängerin also unterstreichen: Es sei nicht heilsrelevant, jeden Sonntagmorgen in die Kirche zu gehen?


Ja, natürlich. Die Kirche als Institution ist nicht die Verwalterin des himmlischen Heils. Diese Aussage nimmt eine ganz ursprüngliche Kritik der Reformatoren an der Kirche auf. Jedes Individuum kann eine eigene Beziehung zu Gott aufbauen. Im gleichen Atemzug muss aber gesagt sein, dass Kirche nur in der Gemeinschaft von Menschen lebt. Persönlicher Glaube ist möglich ohne Gottesdienst. Kirche nicht.

Sie wollen auch Menschen erreichen, die nicht mit Gottesdiensten aufgewachsen sind. Wie stellen Sie sich das vor?


Wir müssen mehr auf Zielgruppen ausgerichtete Gottesdienste anbieten. Die Formel «One size fits all» funktioniert nicht mehr. Der Gottesdienst ist kein sozialer Event mehr im Dorf. Wir müssen die Leute in bestimmten Lebensphasen ansprechen. Ein Beispiel gibt es in der Region Baden: In einem Pilotprojekt werden gezielt junge Menschen mit Musik und Event-Formen angegangen. Andere Zielgruppen sind Familien: Bei uns in Staufen ist die Kirche voll, wenn es einen Familiengottesdienst zur Abendmahlseinführung von Fünftklässlern gibt.

Der Ausbildungschef der Deutschschweizer Pfarrer, Thomas Schaufelberger, will die Kirchen zu den Leuten bringen, ihre Wünsche einbeziehen und etwa Banker über Mittag ihre Portion Glauben abholen lassen. Was halten Sie davon?

Das ist eine wichtige und gute Sache. Ich habe oft mit Wirtschaftsleuten zusammengearbeitet, die auch Fragen nach dem Sinn stellen. Sie sind auch bereit, einmal auf einen Business-Lunch zu verzichten.

Wann ist für Sie eine Grenze erreicht, wo die Kirche sich nicht mehr dem Volk anbiedern soll?

Die Kirche hat eine grosse Angebotspalette. Diese Angebote soll sie gut machen und dann kann sie auch Erfolg haben. Die Kirche muss sich nicht anbiedern, aber auch nicht hochnäsig durch die Welt gehen. Wenn wir Popmusik in einem Gottesdienst für Jugendliche abspielen, biedern wir uns nicht dem Volk an. Schon Martin Luther hat Kirchenlieder zu Volkslied-Melodien geschrieben.

Wo liegt der Unterschied zu den Freikirchen, die Ähnliches tun?


Einerseits in der Botschaft. Andererseits in der Breite des Zielpublikums und den Möglichkeiten des religiösen Ausdrucks. Eine Freikirche kann eine ganz bestimmte Zielgruppe bedienen. Wir in der Landeskirche müssen nun einsehen, dass der traditionelle Gottesdienst gewissermassen zum Zielgruppen-Angebot geworden ist. Das reicht aber bei uns nicht. Wir haben viele verschiedene Zielgruppen.

Sie waren Dozent für Wirtschaftsethik. Werden Sie Aargauer Firmen auf die Finger klopfen, wenn sie Gehälter unter der Mindestlohngrenze zahlen oder Mitarbeiter aus Profitgründen entlassen?


Moralisieren und auf die Finger klopfen ist nicht meine Art. Es ist nicht konstruktiv und nicht lösungsorientiert. Ich suche einen dialogischen Zugang und gehe auf die Firmen zu und möchte verstehen, was sie veranlasst hat, so zu handeln.

Damit erreichen Sie doch nichts.


Wir sind ein ernst zu nehmender Gesprächspartner, wir sind nicht auf die Nase gefallen! Die Spitzen in Wirtschaft, Kirche und Politik müssen im gemeinsamen Gespräch über die gesellschaftlichen Herausforderungen diskutieren, die Probleme definieren und mögliche Lösungen besprechen. So kommt man weiter, als wenn jeder für sich etwas tun würde und nicht weiss, was der andere macht. So baut man auch gegenseitig Vorurteile ab.

Wie stellen Sie sich diese Gespräche vor?


Ich will die runden Tische mit Wirtschaftsführern, die ich von der Fachhochschule aus in der Region Aargau/Solothurn/Bern bereits aufgebaut habe, weiterführen. Zudem möchte ich die Spitzengespräche der Landeskirche wieder beleben, mit den Präsidien des Gewerbeverbandes oder des Bauernverbandes. Bei diesen sollen gesellschaftlich-soziale Herausforderungen diskutiert werden. Ferner findet seit Jahren das Forum Marktplatz und Kirche statt, eine Reihe von Vorträgen, bei denen wir Wirtschaftsleute einladen und sie mit der Bevölkerung über ihre soziale Verantwortung diskutieren lassen.

In den letzten Jahren ist die Mitgliederzahl um 12000 Reformierte auf 182000 gesunken. Wie wollen Sie den Rückgang bekämpfen?


Der Mitgliederschwund ist eine schleichende Katastrophe. Da gibt es nichts schönzureden. Den Mitgliederschwund können wir aber nur minimal beeinflussen. Der gesellschaftliche Trend ist einfach so.

Sie ergeben sich dem Schicksal?


Nein. Doch alle, die sich in der Kirche engagieren, sollen sich davon nicht entmutigen lassen. Sie sollen das, was sie machen, gut und aus Überzeugung tun. Wenn wir uns von der Angst des Mitgliederschwunds leiten lassen, dann machen wir nicht einmal das gut, was wir gut machen könnten. Wie sollen wir als Frustrierte die frohe Botschaft überbringen?

In anderen Kantonen müssen Kirchgemeinden wegen Mitgliederschwunds bereits fusionieren.


Das könnte ein Thema werden, aber nicht nur aus Spargründen, sondern als Chance. Es könnte zum Beispiel sinnvoll sein, Angebote in einer Region zu bündeln und nicht alles in einer Kirchgemeinde zu fokussieren. Wenn etwas meinem Bedürfnis entspricht, fahre ich auch ein paar Kilometer in eine andere Gemeinde. Ob es dann eine Fusion ist oder nur vermehrte Zusammenarbeit, ist nicht entscheidend. Ich träume etwa davon, dass einzelne Kirchgemeinden in einer Region verschiedene Zielgruppen ansprechen. Die eine macht einen Gottesdienst für Junge mit Popmusik, die andere einen mit klassischer Musik, die dritte den traditionellen mit Orgelmusik.

Die Landeskirche beschäftigt rund 150 Pfarrer. Obwohl es kein Zölibat gibt, haben auch die Reformierten Probleme, genügend Nachwuchs zu rekrutieren. Wie könnte man den Beruf wieder attraktiver gestalten?


In den letzten 20 bis 30 Jahren sind Pfarrpersonen immer mehr zu Allroundern geworden. Sie erledigen administrative Arbeiten, koordinieren, organisieren und der Arbeitsdruck ist gestiegen. Man müsste Pfarrpersonen von einigen Arbeiten entlasten und sie wieder mehr als Theologen profilieren. Dazu gehört zum Beispiel auch Zeit zur Verarbeitung theologischer Fachliteratur im Hinblick auf Gottesdienst und Bildungsangebote.

Und zum anderen?


Wir müssen Junge motivieren und ihnen zeigen, dass Pfarrer ein interessanter Beruf ist: Es ist kein 08/15-Job. Man hat sehr viele Gestaltungsfreiheiten im Alltag.

Sind Quereinsteiger wie bei den Lehrern ein Thema?


Ja. Die Kirche muss hier helfen: Wir müssen zum einen Pfarrer, die nicht mehr glücklich sind in ihrem Beruf, bei der ihrer Neuorientierung unterstützen. Ein frustrierter Pfarrer, der sich noch 15 Jahre durchs Amt schleppt, ist als Person zu bedauern und für die Kirchgemeinde nicht mehr inspirierend. Andererseits müssen wir Menschen, die Pfarrer werden möchten, Hand bieten. Die Ausbildung muss aber ein theologisch anspruchsvolles Niveau haben, damit der Pfarrberuf nicht verwässert wird.






21.8.2012
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