Braucht Gott Gottesdienst?



Was geschieht, wenn Menschen sich im Namen von Jesus Christus versammeln, um dem lebendigen Gott zu begegnen? An ihrem Studientag in Aarau setzte die Arbeitsgemeinschaft für biblisch erneuerte Theologie (Afbet) einen Gegenakzent zu den heute dominierenden ästhetischen und Event-Perspektiven.

Es ging um theologische Grundlagen des Gottesdienstes. Die Tagung zeigte: Das Interesse Gottes, des Schöpfers, seinen Menschen nahe zu kommen, zieht sich als roter Faden durchs Alte Testament und erfüllt sich in Jesus Christus. Um dieses Geheimnis kreist christlicher Gottesdienst – und die Vielfalt der Gottesdienste heute ist darauf zu beziehen.

An ihrem jährlichen Studientag, der am Samstag, 26. Januar, im TDS Aarau stattfand, nahm die Theologenvereinigung Afbet den Gottesdienst von drei Seiten in den Blick: Stefan Schweyer fragte, wie die heutige Vielfalt von Gottesdiensten dem einen Gott gerecht werden kann. Jürg Luchsinger ging vom Paradies aus und stellte den Gottesdienst als „Ort des besonderen Gegenwart Gottes in der Welt“ dar. Martin Forster untersuchte den „Big Bang“, den Anfang der Verehrung von Jesus als Gott durch die ersten Christen. Am Nachmittag arbeiteten die 30 Teilnehmenden in vier Gruppen; Ergebnisse wurden zusammengetragen und diskutiert.

„Gottesdienst gibt es nur im Plural“

„Es gab nie eine Zeit, in der nur ein Gottesdienst gefeiert wurde“, sagte Dr. Stefan Schweyer im Blick auf die heutige Vielfalt – in Basel an einem Sonntag etwa 85 Feiern. „Gottesdienst gibt es nur im Plural.“ Damit sei auch jeder Gottesdienst kritisierbar: zu wenig lehrreich, zu ruhig, zu insiderhaft, zu alltagsnah, zu feierlich… Die Vielfalt lasse sich mit der Vielzahl der Kirchen nicht hinreichend erklären. Vielmehr würden Gottesdienste in zahlreichen Spannungsfeldern unterschiedlich gestaltet. Schweyer, Dozent für praktische Theologie an der STH Basel, ging auf drei Polaritäten näher ein: sakral-profan, einladend-erbauend, integriert-differenziert.

Heilig im Alltag

Die erste Polarität zeigt sich zwischen der alltagsnahen Sprache und spontanen Gebeten in den Freikirchen und der Liturgie in manchen Grosskirchen. Junge Kirchen sind oft ohne sakrales Gebäude und geben sich in der Spur der radikalen täuferischen Reformation liturgisch nonkonformistisch. In Erweckungsbewegungen wird schlicht gesprochen. Schweyer verwies darauf, dass schon im Alten Testament der Tempel Salomos Gott nicht fassen kann und die Propheten Gottesdienst in der Sorge um soziale Gerechtigkeit und Barmherzigkeit fordern. Im Neuen Testament kontrastiert eine un-kultische Sprache für die Versammlung der Christen (z. B. „Zusammenkommen“, 1. Kor 14,26) mit kultischen Formulierungen für ihren Alltag (z. B. Römer 12,1).

Gottes verwandelnde Gegenwart

Dies legte der Theologe auf heute um: „Die Profanisierung des Gottesdienstes (bei jüngeren Kirchen) setzt die Sakralisierung des Alltags voraus.“ Jesus hat durch seinen Weg ans Kreuz und die Auferstehung die Trennung sakral-profan im Grunde überwunden; „seine Herrschaft betrifft die gottesdienstliche Versammlung und das alltägliche Leben“. Im Blick auf traditionelle Formen hielt der STH-Dozent anderseits fest: „Es braucht das alltägliche christliche Leben, damit Gottesdienst das werden kann, was er sein soll.“ Und zuerst die Erwartung, dass Gott in seiner verwandelnden Kraft anwesend ist. Mit Peter Cornehl unterstrich Schweyer, dass die Begegnung mit Gott im Gottesdienst wesentlich auf der „Aneignung der biblischen Überlieferung“ fusst.

Die zweite Polarität ‚einladend-erbauend‘ illustrierte Stefan Schweyer mit den Sucher-orientierten, niederschwelligen Gottesdiensten und neuen missionalen Ansätzen. „Die Offenheit der Gemeinschaft für neue Besucher korreliert mit der Erwartung kraftvoller göttlicher Präsenz im Gottesdienst.“

Teil des weltweiten Leibes Christi

Bei der dritten Polarität geht es um die Frage, ob es eher einen integrierenden Gottesdienst für viele oder viele differenzierte Gottesdienst für einige geben soll. Beide Ansätze haben ihren Wert – so der Theologe – und jeder einzelne Gottesdienst lebt von der Verbindung mit der universalen Kirche. Diese Verbindung zum gesamten Leib Christi ist umso bewusster zu gestalten, je differenzierter und Zielgruppen-orientierter gefeiert wird.

Paradiesisch

Der Gottesdienst soll „jenseits von Eden“ das ermöglichen, was ursprünglich das Paradies bot: Gottes Gegenwart in der Welt. Der Pfarrer und Alttestamentler Dr. Jürg Luchsinger, Fachdozent am TDS Aarau, verwies in seinem Vortrag auf den Fluss aus Eden: Sich in vier Arme teilend, versorgt er die Welt mit Gottes Segen. „Der Fluss symbolisiert die lebensspendende Gegenwart Gottes. Wo Gott präsent ist, ist Leben in Fülle.“ Nachdem sich Adam und Eva von Gott abgewendet haben, ergreift er die Initiative. Er überbrückt den Riss, der sich aufgetan hat. Er erwählt Abraham und befreit sein Volk, um unter ihm zu wohnen.

Luchsinger erwähnte die Psalmisten, die sich in Gottes Gegenwart wissen, aber sich danach sehnen, ihn im Tempel zu begegnen. „Gott braucht die Kultgemeinde, nicht das Individuum, um auf die in der Regel intensivste Art und Weise in der Welt gegenwärtig zu sein.“ Doch der Gottesdienst der Israeliten weist übers Volk hinaus: „Das Ziel von Israels priesterlichem Dienst ist die Erkenntnis Gottes in der Welt und das Gotteslob der Völker, die Teilhabe der Nationen am Gottesdienst, am Lob Jahwes.“

Big Bang

Pfr. Martin Forster, Dozent am Theologischen Seminar Bienenberg, spürte im Neuen Testament dem „Big Bang des urchristlichen Gottesdienstes“ nach: dem explosionsartigen Beginn der Verehrung Jesu als Gott durch monotheistische Juden. Der Mann aus Nazareth ist Jude, beansprucht aber, was Gott allein zusteht: Sünden zu vergeben (Matthäus 9,6). Der Big Bang geschieht an Pfingsten, durch das Kommen des Heiligen Geistes. Unerhörtes ergibt sich daraus: Die ersten Christen „integrieren ihren Jesus in den heiligen Gott Israels“. Paulus betet zu Jesus (2. Korinther 12,8); die Doxologien der Offenbarung feiern ihn.

Intimität und Freude

Von den familiären, charismatischen Zusammenkünften der Urchristen her fragte Martin Forster in Aarau, wie viel Intimität, Partizipation, Freude und manifestes Wirken des Heiligens Geistes heute zu erleben ist. Gottesdienst ist aber auch „die gemeinschaftliche Pflege einer alternativen Konstruktion der Gesellschaft und der Geschichte“ (John H. Yoder). Für Forster zeigen junge Christen heute etwas von der Leidenschaft der ersten Christen, denen Jesus als Gott alles bedeutete.

Am Nachmittag diskutierten die Teilnehmenden, wie die Dramaturgie des Gottesdienstes, Gebete und Spontanes der Begegnung mit Gott selbst dienen können. Die AfbeT will am Thema weiterarbeiten und Ergebnisse in einem Sammelband veröffentlichen.

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Vorträge des AfbeT-Studientags


28.2.2013
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