Hochdeutsch oder Mundart im Gottesdienst?



„Zu den heimlichen Mitgestaltern des Gottesdienstes gehört für uns Deutschschweizer auch die Wahl der Sprache.“ Das schreibt der Theologe und langjährige Pfarrer Ulrich Graf in einer Studie  zum Einsatz von Hochdeutsch und Mundart im Gottesdienst. Er untersucht die Wirkungen der jeweiligen Sprache und gibt Empfehlungen für ihren Einsatz ab.

„Die Verwendung der einen oder andern Sprachform prägt die Atmosphäre eines Gottesdienstes – genauso wie der Raum, die gespielte oder gesungene Musik, Stimme, Gestik und Kleidung des Predigers“, betont Ulrich Graf. Anlass für seine Untersuchung bildet die Beobachtung, dass immer öfter Mundart im Gottesdienst eingesetzt wird. Oft im Wechsel mit hochdeutsch gesprochenen Elementen.

Graf zitiert dazu Viktor Schobinger, bekannt als Autor von Mundartgeschichten und Bibelübersetzer: „Wir brauchen beide: den Dialekt, weil wir uns in ihm heimisch fühlen und unsere Gefühle und Gedanken durch ihn besser ausdrücken können; unsere deutsche Schriftsprache, weil sie uns einen grossen Kulturraum erschliesst und auch damit uns unsere Mitbürger lateinischer Zunge verstehen.“

Mundart oder Hochdeutsch?

Bei Kinder- und Jugendgottesdiensten oder in Gottesdiensten für Kleinkinder und Familiengottesdiensten ist für Graf der Fall klar: „Wenn nicht der Pfarrer oder die Pfarrerin oder jemand von den beteiligten Mitarbeitern ausländischer Herkunft und darum des Schweizerdeutschen nicht mächtig ist, wäre die Hochsprache fehl am Platz. Kinder und Jugendliche wollen in ihrer angestammten Muttersprache angeredet sein.“

Entweder, oder ...

Aus seinen Beobachtungen und Überlegungen formuliert Graf eine Hauptregel: „Ein Gottesdienst sollte entweder in Mundart oder in der Hochsprache gestaltet sein.“ Dennoch dürfen in einem Mundartgottesdienst Bibelzitate, Lesungen oder auch gesungene Stücke wie die Choräle ihr „bekanntes hochsprachliches Gewand“ beibehalten. „Der Charakter zum Beispiel eines Predigtverses oder einer ganzen Perikope als ‚verbum alienum’, das uns aus einer anderen Welt und von einer längst vergangenen Zeitepoche her entgegentritt, um uns in unserer Gegenwart anzureden, kann auf diese Weise bei einem Wechsel der Sprachform noch spürbarer als sonst hervortreten.“

Umgekehrt dürfe etwa ein Hinweis an Kinder in einer sonst hochsprachlichen Liturgie durchaus im Dialekt erfolgen. „Doch eine Grundentscheidung zur Registerwahl sollte erfolgen und ein klares Konzept dann auch durchgezogen werden.“

Abschliessend schreibt Graf: „Mundart gehört auf die Kanzel; aber nicht alles, was in der Kirche gesagt zu werden verdient, ist mundartgerecht. Wir sind auch beim Predigen auf beides angewiesen: auf die Prinzipalstimmen der Hochsprache wie auf die Flöten und Zungen der Mundart.“

Zur vollständigen Studie (PDF)



18.12.2015
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